Bemerkungen zur Arbeit eines Gymnasiallehrers



Bemerkungen zur Arbeit eines Gymnasiallehrers


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Die Mißverständnisse der Öffentlichkeit, die Arbeit eines Lehrers sachgerecht zu beurteilen, liegen vor allem in einem Vergleich mit der sonst üblichen Gleichsetzung von Arbeit mit Anwesenheit am Arbeitsplatz. Nur wenn Maschinenlaufzeiten die Arbeitszeiten vorgeben und/oder Leistungslöhne gezahlt werden, ist diese Gleichsetzung berechtigt. Ansonsten sagt die Anwesenheit am Arbeitsplatz über die Arbeitsleistung nichts aus, allenfalls wird damit angegeben, wann ein Arbeitnehmer erreichbar ist oder sein sollte.

Der zum Vergleich herangezogene übrige öffentliche Dienst mit festen Dienstzeiten hatte im Jahr 1992 bei 32 Urlaubstagen ein Dienststundensoll von mindestens 1.702 Stunden, also 38,5 Wochenstunden (Urlaubsanspruch 32 Tage).

Da Lehrer ihre Unterrichtsstunden nur in den Schulwochen ableisten können und ihr Urlaubsanspruch durch die schulfreie Zeit abgegolten ist, ergibt sich eine Wochenarbeitszeitverpflichtung von mindestens 44,5 Wochenstunden. Es ist auch für Fremde nachvollziehbar, daß auch die übrigen Arbeitsleistungen des Lehrers neben dem reinen Unterricht an die Unterrichtswochen des Jahres gebunden sind, mit Ausnahme von Korrekturen der jeweils vor Ferien geschriebenen Leistungsbeweise und längerfristiger Unterrichtsplanungen. Dies erklärt, warum Lehrer selbst Wochenenden und manche Ferienzeiten der Schüler trotz des Wegfalls des Unterrichts nicht als unbeschwerte Freizeit empfinden können. Es erklärt, daß die Verschleißerscheinungen in diesem Beruf mit wachsendem Alter stark zunehmen, da die Arbeitsleistung in den Unterrichtswochen auf einem Niveau liegt, das die übrigen Arbeitnehmer in der Regel heutzutage nicht mehr erreichen. Häufigere Verschnaufpausen sind geradezu unverzichtbar.

Zu den öffentlichen Mißverständnissen gehört, wie gesagt, daß Arbeit vor allem in der Schule als dem Arbeitsplatz wahrgenommen wird. Tatsächlich haben Lehrer am Gymnasium in der Regel zwar wechselnde Ersatzräume, aber keinen eigenen Schreibtisch oder gar Arbeitsraum. Nur 45 % der mindestens abzuleistenden Arbeitszeit entfallen aber auf den Unterricht. Und nur weitere ca. 10 % sind durch Anwesenheit in der Schule zu erbringen. Die übrige Arbeit vollzieht sich im häuslichen Arbeitsraum, was den Arbeitsgeber billiger kommt, als wenn er einen entsprechenden Arbeitsplatz bauen würde.

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Betrachten wir nun die einzelnen Elemente der Lehrertätigkeit genauer.

Der durch Stundendeputat (Wochenstundenverpflichtung) und Stundenplan bestimmte Unterricht, also die 45% der Jahresarbeitsleistung, sind in 5 Tagen der Woche in der Dienstzeit zwischen 7.30 und 17.00 Uhr zu erteilen. Dabei ist es eine unvermeidliche Folge der Organisation der Schule, daß Unterricht bzw. unterrichtsfreie Zeiten oft nicht im Block zusammenliegen, sondern sich abwechseln können. Wartezeiten zwischen zwei Stunden und doppelte Anfahrten zur Schule sind die Folge. Obwohl diese z. T. kaum zu nutzende Zeit (mangels Arbeitsplatz in der Schule) oft einen erheblichen Teil des Zeitaufwandes am Tag ausmacht, ist sie in keine Bilanz aufzunehmen. Die Unterrichtsstunde schlägt nur mit 45 Minuten und 5 Minuten für den Raumwechsel zu Buche.

Teil der übrigen innerschulischen Arbeit sind Aufsichten, die zuweilen anstelle der eigenen Pausen durchgeführt werden müssen, z. T. in eigene unterrichtsfreie Zeiten fallen, wie auch Vertretungen und eine feste Elternsprechstunde. Nach Anfall werden in dieser Zeit auch Verwaltungsaufgaben erledigt (Notenlisten etc.). In wechselnder Häufung fallen Gesamtkonferenzen, Stufenkonferenzen, Fachkonferenzen und Klassenkonferenzen an. Sie sollen außerhalb des Unterrichts, stattfinden, allerdings in der Dienstzeit.

Alle diese bisher genannten Tätigkeiten werden als Arbeit in der Öffentlichkeit gesehen, wenn auch der individuell und jahreszeitlich schwankende Anteil kaum nachvollzogen wird. Schwerer vermittelbar ist der Arbeitsanteil, der sich zwangsläufig im häuslichen Rahmen und in freier Zeitwahl innerhalb oder außerhalb der Dienstzeiten bzw. der Unterrichtswochen vollzieht.

Die Korrekturen hängen, das ist noch vermittelbar, von der Zahl der vorgeschriebenen Arbeiten und der Gruppenzahl und -größe ab. Daneben fällt ins Gewicht, in welcher Stufe gearbeitet wird, daß die Fächerkombination des Lehrers eine mehr oder weniger große Häufung erbringt, daß sein Einsatz in niedrigeren oder höheren Klassenstufen den Umfang der schriftlichen Leistungen beeinflußt, daß fachspezifisch unterschiedlich kurzgefaßte Leistungen erbracht werden. Besonders schwierig wird die Einschätzung der Korrekturbelastung durch individuelles Arbeitstempo. In meinem Falle setze ich aus Erfahrung weitere 10% meines Jahressolls an. (175 Schüler von Klasse 9-13, 3 Leistungskurse der Oberstufe, 17 von 23 Stunden Oberstufe).

Weitaus schwieriger ist die Ermittlung der Arbeitsleistung in dem Arbeitsfeld, das die Qualität und den Erfolg der Arbeit entscheidend mitbestimmt. Es gliedert sich in die allgemeine Arbeitsvorbereitung und die spezielle inhaltliche, didaktische und methodische Arbeitsvorbereitung.

Die allgemeine Arbeitsvorbereitung hängt eng mit der geforderten und notwendigen Fortbildung zusammen, die nicht in die Dienstzeit angerechnet wird. Sie besteht aus der Auswahl, Katalogisierung und Archivierung von Unterrichts-

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material ohne spezifisches Einsatzziel. In meinen Fächern (Geschichte, Sozialkunde, Ethik, Erdkunde) z. B. besteht eine rasche Umwälzung von inhaltlichen Schwerpunkten, da aktuelle Bezüge gefordert sind. Während die ständige Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und neuen Büchern noch Fortbildung ist, erfordert allein die Vorbereitung der zukünftigen Einsetzbarkeit des Materials einen dauernden Zeiteinsatz, wenn die konkrete Arbeitsvorbereitung in dem normalerweise zur Verfügung stehenden Zeitrahmen Erfolg haben soll. Ich lese z. Zt. regelmäßig zwei Tageszeitungen, eine Wochenzeitung und sieben monatliche Fachzeitschriften. Allein der Aufwand, das Gelesene für zukünftigen Einsatz verfügbar zu halten, beträgt mindestens 15 % der Jahreswochenstunden.

Die spezielle Arbeitsvorbereitung einer Unterrichtsreihe oder einer Unterrichtsstunde erfordert zunächst die Übertragung der Lernziele des Lehrplans auf konkrete Inhalte. Die Zeiten, in denen es Stoffpläne mit jahrzehntelanger Verbindlichkeit gab, sind seit mehr als 20 Jahren vorbei. Natürlich hat sich aber in vielen Fächern eine Inhaltsabfolge herausgebildet, die eine Wiederholung der Jahresinhalte bedeutet. Dennoch altern Stoffe heute rascher als früher (allgemeine Didaktik). Dies bedeutet, daß die spezielle Arbeitsvorbereitung eine inhaltliche Einarbeitung in und Aktualisierung von sachlich-fachlichen Fragen erfordert. Dabei steigt der Anspruch mit den Klassenstufen, wenn man vom Lehrer fordert, er solle inhaltlich seinen Schülern auf allen Ebenen ein fachkundiger Berater sein.

Im nächsten Schritte ist eine geeignete Wahl des Unterrichtsmaterials vorzunehmen (spezielle Didaktik). In der Öffentlichkeit herrscht leicht der Eindruck vor, Lehrbücher hätten dem Lehrer diese Arbeit abgenommen. Leider gibt es nur in manchen Fächern oder Altersstufen diese optimalen Arbeitsmittel. Gerade für die Oberstufe können in einigen Fächern schon aus dem Anspruch auf Aktualität Bücher den Anforderungen nicht gerecht werden. So ist das Kopieren, Schneiden und Kleben heute Lehreralltag; mit dem entsprechenden Zeitaufwand, wenn die häusliche Materialbasis ausreicht. Sonst kommt die oft sehr zeitaufwendige Suche in einer Bibliothek noch hinzu.

Einer der wichtigsten Schritte ist schließlich die Wahl der Methode im Unterricht nach pädagogischen Gesichtspunkten wie Beachtung des Methodenwechsels, Konzentrations- und Auflockerungsphasen etc.

Wer den Zahlenangaben gefolgt war, (45 %, 10 %, 10 %, 15 %), erkennt, daß für die letzte, die konkreteste Unterrichtsvorbereitung mit ihren vier Schritten nur noch 20 % der Jahresarbeitsstunden zur Verfügung stünden; wenn die Lehrer nicht zu "Verkürzungsmethoden" greifen sollen, bleibt ihnen nur die - von vielen unabhängigen Institutionen bescheinigte - Mehrarbeit, die in den Unterrichtszeiten oft mehr als 50 Wochenstunden ausmacht.

Dr. E. Blohm