Zeitzeugen in unserer Nähe - Ein Besuch in der Anstalt Hadamar



Zeitzeugen in unserer Nähe - Ein Besuch in der Anstalt Hadamar


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Eine Exkursion führte die Klassen 10/1 und 10/2 unter der Leitung ihrer Klassenlehrerinnen Frau Limpert und Frau Gorzolla im vergangenen Jahr in die Euthanasieanstalt Hadamar. Nach intensiver Vorbereitung im Unterricht wollten wir annähernd nachvollziehen, wie die NS-Diktatur eines ihrer Hauptziele (Vernichtung "lebensunwerten Lebens") durchgeführt hatte. Wir sollten uns vor Augen führen, dass die Ausgrenzung gegenüber Minderheiten, gegenüber Fremden, gegenüber Menschen, die "anders" und schwächer sind als die Masse, im extremsten Falle zur Tötung dieser Menschen führen kann. Gerade in einer Zeit, die von Ausgrenzung und sogar Anschlägen gegenüber Minderheiten (Ausländern) geprägt ist, sollte man ein wachsames Augenmerk auf die Gegenwart richten. Ein zentrales Anliegen der Gedenkstätte ist es auch, das Euthanasieverbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die NS-Propaganda

Wie kam es zu dieser "lautlosen" Vernichtung? Durch permanente Propaganda wurde das Volk gegen Minderheiten aufgehetzt. Schon in der Schule bekamen die Kinder eingetrichtert, dass Minderheiten lebensunwert seien. Ein wichtiges Argument dafür war schon immer die Kostenfrage für die "Ballastexistenz" gewesen. Hier z.B. eine Rechenaufgabe aus einem Schulbuch: Der Bau einer Irrenanstalt erforderte 6 Millionen Reichsmark. Wie viele Siedlungshäuser zu je 15 000 RM hätte man dafür erbauen können? Auch in Zeitschriften und auf Plakatwänden wurden Gegenüberstellungen gezeigt (siehe rechts).

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Die Geschichte der Anstalt

1906: Entstehung einer Landespflegeanstalt und eines psychiatrischen Krankenhauses

um 1940: Reservelazarett

1941: Umbau in eine Euthanasie-Mordanstalt (Beginn der ersten Phase)

1942-45: 2. Phase der Euthanasie

ab 1945: Landespflegeanstalt und psychiatrisches Krankenhaus


Erläuterung zur 1. und 2. Phase

Während der 1. Phase starben zwischen Januar und August 1941 über 10 000 Menschen; sie wurden mit Kohlenmonoxid erstickt.

In der 2. Phase ab 1942 gingen die Morde mit anderen Mitteln weiter: In der wieder eröffneten "Heil- und Pflegeanstalt" wurden die Menschen konsequent unterernährt und mit Überdosen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln vergiftet. Dieser Fortsetzung des Euthanasie-Programms fielen noch einmal fast 5 000 Menschen zum Opfer.

Um welche Menschen handelte es sich dabei? Psychisch Kranke und geistig Behinderte, Verwirrte aus bombengefährdeten Gebieten, Fürsorgezöglinge mit einem jüdischen Elternteil und psychisch erkrankte und tuberkulosekranke Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.


Der Weg des Todes

Jeden Wochentag fuhren von Januar bis August 1941 die "grauen" Busse von Hadamar in die Zwischenanstalten und zurück.

Nachdem die Busse im Hinterhof in die speziell dafür gebaute Garage gefahren waren, stiegen die Kranken aus und kamen über einen Schleusengang in das Erdgeschoß der Anstalt. Dort mussten sich alle ausziehen und kamen der Reihe nach ins Arztzimmer. Der Arzt begutachtete die nackten Menschen noch kurz und entschied sich anhand einer Liste für eine von 61 falschen Todesursachen für den Totenschein. Nach dieser "Untersuchung" wurden von jedem Patienten drei Photoaufnahmen gemacht, bevor sie die Treppe hinunter in die 14 qm große Gaskammer geführt wurden, in die teilweise bis zu 60 Menschen gezwängt wurden. Der Arzt, der eben noch die "Untersuchung" durchgeführt hatte, betätigte den Gashahn in einem kleinen Nebenraum und beobachtete das

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Sterben der Menschen durch ein kleines Fenster in der Wand. Manche die, die Situation erkannten, schrieen, tobten und hämmerten in Todesangst gegen Wände und Türen.

Der Arzt stellte die Gaszufuhr ab, wenn seiner Meinung nach alle Kranken tot waren. Anschließend wurden die ineinander verkrampften Leichen aus der Gaskammer in den Selektionsraum getragen, wo ihnen zu "wissenschaftlichen Forschungszwecken" die Gehirne entnommen wurden. Danach wurden die Toten zu den Krematorien transportiert. Bevor sie verbrannt wurden, wurden ihnen noch die Goldzähne ausgeschlagen.

Nach einer kurzen Einführung gingen alle Schüler den "Leidensweg" ab. In den noch gut erhaltenen Kellerräumen sollten wir die Gaskammer kennenlernen, in der über 10 000 Menschen getötet wurden. Es sollte jedem bewusst werden, in welcher Panik, in welchen Todesängsten die Menschen waren. Es sollte jedem bewusst werden, dass 10 000 Menschen eine Treppe hinabgingen (die gleiche Treppe, die wir auch hinuntergegangen sind) und nie wieder hochkamen. Als wir am Endpunkt, den Krematorien, standen, wurde eine dreiminütige Gedenkpause eingelegt, in der sich jeder noch einmal bewusst werden konnte, was in dieser Anstalt vorgegangen war.

Es gab keine Befreiungsversuche in der Anstalt Hadamar, trotz zunehmender Kenntnis der Bevölkerung über die grausamen Ereignisse auf dem Mönchberg. Täglich fuhren die grauen Busse mit den Todesopfern durch die Stadt, täglich rauchte der Schornstein des Krematoriums und verbreitete einen weithin sichtbaren, dicken, dunklen Rauch. Selbst die Kinder kannten die Bedeutung der Anstalt, sie nannten die Busse "Mordkisten" und bedrohten einander: "Du kommst in den Backofen von Hadamar."

In dieser Gedenkstätte können die Schüler das "Unfassbare" als etwas "Anfassbares" erleben und den Eindruck vermittelt bekommen, dass der Nationalsozialismus keine ferne historische Epoche ist. Bei diesem Besuch ist bestimmt jedem von uns einmal die grausame Zeit ins Gedächtnis gerufen worden. Und hoffentlich werden alle Menschen, die in unserer Gegenwart leben, versuchen, ein Verbrechen wie dieses für immer und ewig zu verhindern.

Kerstin Meyer, Claudia Richter