AG gegen Fremdenfeindlichkeit



AG gegen Fremdenfeindlichkeit


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Seit nunmehr anderthalb Jahren besteht unsere Aktionsgemeinschaft gegen Fremdenfeindlichkeit. Damals, im Dezember 1992, wollten wir nicht länger die brutalen Attacken dumpfer Gewalttäter gegen Asylsuchende und türkische Mitbürgerinnen stillschweigend und regungslos zur Kenntnis nehmen, sondern selbst aktiv werden, Aktionen gegen den Fremdenhass und den neuen Rechtsradikalismus setzen, auch um in Altenkirchen allen klarzumachen, dass Schule ein Ort der Gemeinschaft, der Verständigung, der Toleranz und der Freiheit ist und bleiben muss.

Und heute, im Mai 1994, denken wir AG-lerInnen, dass Nichtstun und Schweigen vielleicht mehr denn je denen hilft, die mit trotziger Hartnäckigkeit und ideologischer Starrköpfigkeit Hass und Gewalt gegen AusländerInnen und vermehrt auch wieder gegen Deutsche jüdischen Glaubens schüren.


Aktionstag gegen Fremdenfeindlichkeit am 4. Juni 1993

Auf unserem großen Aktionstag auf dem Schulgelände haben viele, viele Aktive geholfen, ein buntes, nachdenklich stimmendes, fröhliches und ausgelassenes Fest zu organisieren und durchzuführen. Viele haben bekundet, dass sie mit unseren ausländischen Freunden und Mitbürgerinnen leben wollen, dass sie die multikulturelle Gesellschaft bejahen und jede Form von Gewalt verabscheuen.

Durch unser Motto des Aktionstages "Alle sind gleich - Zu viele sind gleichgültig!" betonten wir wortspielerisch, dass "alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind" und niemand wegen "seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen (....) Anschauungen benachteiligt (.... ) werden" (GG Art. 3) darf; und wir stellten her-

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aus, dass gleichgültige Menschen dazu beitragen, unsere demokratische Grundordnung zu untergraben.

Mit der in Schwarz und Weiß gehaltenen Schulhofzeichnung "AUCH DU BIST EIN AUSLÄNDER - FAST ÜBERALL", die SchülerInnen unserer AG mit der Kunstlehrerin Hanne Janka gestalteten, schufen wir eine bleibende Erinnerung an den Aktionstag und eine bleibende Mahnung, sich und seine Heimat nicht zu überschätzen.

Rund 750 bis 1000 Interessierte, darunter ca. 400 bis 600 Kinder und Jugendliche besuchten nach dem noch schulinternen gemeinsamen Mittagessen mit ausländischer Küche die zahlreichen Nachmittagsveranstaltungen, den "Multikulturellen Abend" und unser Konzert "ROCK GEGEN RECHTS". Von 14.00 bis 18.00 Uhr fanden zum Teil - der Wettergott spielte mit! - auf dem Schulhof des Westerwald-Gymnasiums die Nachmittagsveranstaltungen "Begegnungen - Informationen - Erfahrungen" statt. Die verschiedenen Aktionen und Infostände sorgten für eine fröhliche Marktatmosphäre: Da wurden Jutetaschen bedruckt, italienisches Eis geschleckt, persische Namenszüge auf Kacheln gemalt; da gab's Akrobatik von den "Flying Teens" des Zirkus "Mirakel Komikus", da spielte die Schülerband "Feedback featuring Henric Clapton" live auf; es informierten der Freundeskreis der indischen Region Chota Nagpur, das Diakonische Werk zur Flüchtlingsbetreuung, Amnesty International, die Gemeinschaft der Hutterer undundund.

Der andere Teil der Nachmittagsveranstaltungen fand in verschiedenen Klassenräumen von Realschule und Westerwald-Gymnasium statt. Das in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk organisierte "Erzählcafé" fand hier großen Zuspruch. Den Lebensgeschichten des türkischen Lehrers Herrn Köse, eines Vertreters der Hutterer-Gemeinde, der Flüchtlinge Frau Gülec, Herr Mesfin, Herr Gashi, Herr Sulejmani und seines Sohnes Driton wurde neugierig gelauscht. Aber auch das Theaterstück der Theaterwerkstatt Westerwald "Fremd sein", die Lesungen Uli Jungbluths aus seinem Buch "Zur Nazifizierung der Deutschen. Machtergreifung im Westerwald", das erschütternde Simulationsspiel eines Asylverfahrens der Zivildienstleistenden Markus Dillmann und Michael Seidel, ein Musik-Workshop und die Vorführung des Films "Drachenfutter" zogen die Interessierten in ihren Bann.

Im "Begegnungscafé" der SV bestand dann die Möglichkeit, mit Kaffee und Kuchen bei einem Gespräch zu entspannen oder den Ereignissen still nachzusinnen.

Der "Multikulturelle Abend" von 19.00 bis 21.45 Uhr verlief dank der großen Unterstützung der Techniker-Crew um Klaus Recke wie eine lang einstudierte Veranstaltung. Reibungslos schlossen Tanz- und Musikdarbietungen, Konferenz und Vorträge aneinander an. Die Mischung schien zu stimmen, so daß zu hoffen ist, daß die wichtigen Informationen, die Herr Jungbluth zur

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Fremdenfeindlichkeit im Westerwald, Markus Dillmann und Michael Seidel zur Arbeit mit Flüchtlingen und vor allem der Türkischlehrer Herr Köse zur Situation der Türken in Deutschland nach den Schreckensnachrichten aus Solingen gaben, in den Köpfen der Besucher weiterwirkten. Neben der Rede des Ersten Kreisbeigeordneten Altenkirchens, Herrin Roth, der als Vorsitzender des Runden Tisches gegen Fremdenfeindlichkeit im Kreis mit uns in die Veranstaltung einführte, wurde die Veranstaltung mit afghanischen Klängen Herrn Dr. Salamad Shiftahs, mit dem Lied des Abiturjahrgangs 1993 "Nicht mit uns", mit zwei Musikdarbietungen der HuttererGemeinde, mit professionellem Gesang Santino de Bartolos und mit einem israelischen Friedenstanz einer Tanzgruppe der Realschule mehr als abgerundet.

Das Konzert "ROCK GEGEN RECHTS", das um 22.00 Uhr an den "Multikulturellen Abend" anschloß, dauerte bis zwei Uhr morgens. Es beendete lautstark einen - nach unserem Dafürhalten - erfolgreichen Aktionstag. Alle Teilnehmerinnen dieses Tages erhielten einen Button, den eine Schülerin unseres Gymnasiums entwarf und für den sie am "Multikulturellen Abend" ausgezeichnet wurde. Er soll allen eine Erinnerung sein.

Abschließend möchte sich die AG bei allen Beteiligten, den in diesem Artikel Genannten und den vielen Ungenannten, ganz herzlich für ihre tatkräftige und meist sogar unentgeltliche Unterstützung bedanken!!

J. Kowalke, M. Sassenrath-Bravos