Übergänge aus schulpsychologischer Sicht



Übergänge aus schulpsychologischer Sicht


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Übergänge waren in früheren Zeiten oft gefährliche Reisestrecken, bei denen Flüsse oder Gebirge überquert werden mussten. Heute haben Brücken und Tunnel diese Gefahren beseitigt.

Auch in der Schule gibt es Übergänge verschiedenster Art. Für die Schüler des Gymnasiums spielt der Übergang von der Orientierungsstufe am Ende des 6. Schuljahres und der Übergang von der 10. Klasse in die Studienstufe die größte Rolle. In beiden Fällen müssen sich Schüler auf neue Lernanforderungen, neue Mitschüler und neue Lehrer einstellen.

Übergangsprobleme

Da die Mehrheit aller Schüler solche Übergänge ohne erkennbare Schwierigkeiten bewältigt, werden Übergangsprobleme oft unterschätzt. Dazu kommt, daß sich ihre Auswirkungen oft erst später zeigen, so daß sie anderen Ursachen zugeschrieben werden.

Ein Leistungsabfall in einer neuen Schulstufe wird aus diesem Grund vorschnell den höheren Anforderungen zugeschrieben, Kontaktprobleme in der neuen Schulsituation werden als Problem des einzelnen Schülers angesehen, und der Verlust an Interesse am Lernen wird als eine natürliche Erscheinung des Schullebens betrachtet.

Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, daß Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit in einer neuen Schulsituation zu einem nicht geringen Teil davon abhängt, wie gut der Übergang bewältigt werden konnte.

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Die Macht der Gewohnheit

Ein Teil der Übergangsprobleme ergibt sich aus der Tatsache, daß Menschen dazu neigen, in Alltagssituationen Gewohnheiten zu entwickeln. Ändern sich nun äußere Umstände, so werden diese automatisch beibehalten, da sie nur in den seltensten Fällen bewußt werden. So sind beispielsweise im Straßenverkehr Kreuzungen mit geänderter Vorfahrtsregelung Orte mit erhöhtem Unfallrisiko. Auch im Schulalltag entwickeln Schüler bestimmte Gewohnheiten, die sehr zweckmäßig sein können, die aber unter veränderten schulischen Bedingungen leicht zum Hindernis oder Hemmnis werden. Wer als Schüler/in in der Orientierungsstufe etwa gut damit zurechtkam, den größten Teil der Hausaufgaben bereits in der Schule zu erledigen, kann in der Mittelstufe in Schwierigkeiten geraten, weil etwa das Erlernen von zwei Fremdsprachen mehr verteiltes Lernen und wiederholtes Üben erfordert.

Wer als Schüler/in in der Mittelstufe durch die Klassensituation mit vielen Mitschüler/innen guten Kontakt hatte, kann in der Studienstufe erleben, daß sich der Kontakt ganz auf den Unterricht beschränkt, weil das Aufrechterhalten von Freundschaften und guten Beziehungen unter den Bedingungen des Lernens in Kursen mehr Eigeninitiative und Absprachen als bisher erfordert. In diesen und auch anderen Fällen wäre eine frühzeitige Umstellung der Gewohnheiten ohne großen Aufwand möglich. Gewohnheitsmäßiges Handeln wird aber meist erst dann überprüft, wenn die Auswirkungen spürbar unangenehm werden.

Übergangshilfen

Jede Kultur verfügt über Einrichtungen, die es Menschen erleichtert, Übergangsschwierigkeiten zu bewältigen. Dazu gehören Initiationsriten, Einweihungsfeierlichkeiten und Bräuche jeder Art. Auch die Schulkultur kann solche Hilfen bieten:

- Abschlussfahrten können einen Schlußstrich setzen, der es ermöglicht, eine positive Bilanz für einen bestimmten Abschnitt des Schullebens zu ziehen, ohne all das beibehalten zu wollen, an das man sich gewöhnt hat.

- Tutoren können Erfahrungen weitergeben, die auf die Notwendigkeit der Umstellung aufmerksam machen.

- Klassenfeste, Kursfeten und andere Unternehmungen außerhalb des Unterrichts können neue Beziehungen schaffen, die den Umgang mit dem Neuen erleichtern.

- Verschönerungs- und Gestaltungsaktionen von Klassenräumen und anderen schulischen Einrichtungen können den "Reiz des Neuen" sichtbar machen.

Leider kommen solche Aktionen unter Zeitdruck allzu häufig zu kurz. Dabei könnten gerade solche Bemühungen in Übergangssituationen das Lernen und Zusammenleben in der Schule erleichtern.

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Einstellungen

Auch wenn derartige Maßnahmen stattfinden: sie nützen wenig ohne übergangserleichternde Einstellungen bei Lehrern, Eltern und nicht zuletzt bei den Schülern selbst:

1. Umstellung benötigt Zeit. Politikern werden hundert Tage Eingewöhnung in ein neues Amt zugebilligt. Warum nicht auch Schülern beim Wechsel der Schulstufe?

2. Umstellung benötigt Geduld. Dies fällt jedem schwer, der Übergänge hinter sich hat und dazu neigt, seine eigene Unbeholfenheit zu vergessen. Um so wichtiger ist in neuen Situationen Nachsicht gegenüber fremden und eigenen Fehlern.

3. Umstellung benötigt Zuversicht. Je größer das Vertrauen in die eigene Veränderungsfähigkeit ist, desto leichter wird es Schülern fallen, sich auf neue Situationen einzustellen. Notwendig ist allerdings auch Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten Heranwachsender bei Lehrern und Eltern, damit aus einem Übergang kein Untergang wird.

U. Seim