„Gib mir Wein, Bacchus“ – Latein einmal lustig!


Als Bacchus, der Gott des Weines, dem phrygischen König Midas einen Wunsch freistellte, bat dieser darum, daß alles, was er mit dem Körper berühre, zu Gold werde. Die fatalen Folgen sind bekannt: So verfestigten sich beispielsweise auch die Speisen, die der Potentat zu sich nehmen wollte, in das Edelmetall. Desillusioniert bat Midas den Gott mit folgenden Worten um Verzeihung: Da veniam, Bacche! – Gib mir Verzeihung, Bacchus! /Verzeih mir, Bacchus! – Wenn ein Schüler diesen Satz im Lateinunterricht mit "Gib mir Wein, Bacchus! " (Da vinum, Bacchus!) übersetzt, dann kommt in der Klasse Freude auf.

Die beiden ersten Verse eines Epigramms des römischen Dichters Martial, in dem er eine junge Dame durch den Kakao zieht, die nicht nur ihre anatomische Attraktivität zu häufig und zu penetrant öffentlich betont, lauten folgendermaßen-. Befla es, novimus, et puella, verum est, et dives, quis enim potest negare ? – Du bist hübsch, das wissen wir, und ein Mädchen, das ist wahr, und reich, wer könnte das schon bestreiten? – Wahrhaft homerisches Gelächter erhebt sich, wenn der letzte Teilsatz wie folgt übersetzt wird: … wer kann da nein sagen?

Der Text einer Klassenarbeit im ersten Lernjahr hatte eine Schulstunde zum Inhalt. Dabei versucht u. a. ein römischer Junge, hinter dem Rücken eines Klassenkamaraden eine Spinne zu fangen, die aber entkommen kann und einige Schülerinnen in Panik versetzt.

Die Reaktion der Beteiligten ist unterschiedlich: Puellae clamant, pueri exsultant, etiam magister ridet. – Die Mädchen kreischen, die Jungen jubeln, sogar der Lehrer lacht. – Wenn eine Variante der Übersetzung lautet: Die Mädchen kreischen, sie erregen die Jungen … (… pueras excitant … ), dann lockert dies nicht nur entscheidend die Atmosphäre bei der Rückgabe der Arbeit, dann lacht der Lehrer nicht nur in der Schule, nein, dann verschafft ihm auch beim langwierigen Korrigieren zu Hause ein Lachkrampf eine entspannende Pause.

Ähnliche Stilblüten haben sicher auch in lange zurückliegenden Zeiten des Lateinunterrichts den magister und die discipuli bereits erfreut, ohne ihnen allerdings damals wie heute die anstrengende Arbeit nehmen zu können, die mit dem Erlernen der lateinischen Sprache zwangsweise verbunden ist.

Dennoch hat sich seit einiger Zeit Entscheidendes geändert. Die Horrorvisionen ausschließlicher und unmenschlicher Paukerei, die, wie mir der eine oder andere Kollege immer wieder einmal bestätigt, ihn bis auf den heutigen Tag im Schlaf verfolgen, sind wohl endgültig vorbei.

Dafür verantwortlich sind vor allem zwei Faktoren: Zum einen eine in wesentlichen Bereichen veränderte Methodik des Unterrichts, zum anderen eine (damit zusammenhängende) motivierendere und altersbezogene Aufbereitung der Lehrbücher.

Wenn die ersten Lektionen im Anfangsunterricht Begebenheiten aus dem Alltagsleben einer römischen Familie erzählen, dann können sich die Schüler und Schülerinnen mit Marcus und Claudia identifizieren, dann leiden sie mit dem von Heimweh geplagten Sklaven Syrus mit und lauschen erwartungsvoll den spannenden Berichten des weitgereisten Onkels Cornelius.

Die Integration der Grammatik und Formenlehre in motivierende Texte bewirkt eine weitaus positivere Erwartungshaltung, als dies bei Einzelsätzen der Marke gallina cantat oder flamma flagrat der Fall war, die lediglich als Vehikel zur Grammatikvermittlung konstruiert waren.

Spannend dargebotene Passagen aus der griechischen und römischen Mythologie sprechen Kinder in einem bestimmten Alter viel eher an als moralisierende Texte mit Titeln wie "Vom Römertum" oder adaptierte und zusammenhanglose Abschnitte aus dem bellum Gallicum.

Vor allem aber hat der Schüler nicht ununterbrochen den mehr oder weniger deutlichen Verdacht, als seien die Sätze oder Texte nur Mittel zum Zweck, und er werde im Grunde um das Vergnügen betrogen, das ihm inhaltlich ansprechende Texte bereiten könnten. Natürlich muß er die neuen Vokabeln und grammatischen Phänomene und Formen genau wie früher lernen, aber es stellt sich bei ihm lange nicht so schnell das Gefühl ein, daß die Paukerei sozusagen Selbstzweck sei.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte man es geradezu als ein Sakrileg angesehen, wenn in einem lateinischen Lehrwerk in bestimmten Abständen eine Rubrik ridere licet (Es darf gelacht werden) eingerichtet worden wäre, die, in Verbindung mit kleinen, gekonnten, wenig aufwendigen Zeichnungen, von den Schülern erwartungsfroh angenommen wird.

Daß man sogar Grammatik- oder Wortschatzübungen motivierend gestalten kann, beweisen die neueren Lehrbücher, indem sie dieses wenig geliebte, aber notwendige Übel zum Beispiel in Form von Rätselaufgaben darbieten.

Auch eine weitere crux des Lateinunterrichts, nämlich die kindgerechte Vermittlung von Realien, versucht man seit einiger Zeit recht erfolgreich zu beseitigen. Wer sich zurückerinnert, wird mir zustimmen, daß er relativ häufig Texte durchaus korrekt übersetzt hat, ohne jedoch so recht Zusammenhänge und Gegebenheiten zu begreifen, weil er die in der Antike liegenden Voraussetzungen einfach nicht genau kannte, und der Lehrer sich meist auch wenig Mühe gab oder/und keine Zeit hatte, dies in angemessener Weise zu erklären. Wenn, wie in vielen heutigen Lehrbüchern, zum Inhalt fast jeder Lektion kurze und verständlich abgefaßte Informationstexte vorhanden sind, erledigt sich dieses Problem weitgehend von selbst, ja nicht selten fühlen sich die Schüler gar dazu bemüßigt, ihren Wissensdurst auf diesem oder jenem Gebiet durch zusätzliche und freiwillige Eigeniniative zu stillen.

Nicht zuletzt trägt auch eine reiche und textbezogene Ausstattung des Lehrbuchs mit farbigen und großformatigen Abbildungen und Fotographien dazu bei, den Unterricht interessanter und abwechslungsreicher gestalten zu können, als dies früher häufig der Fall war.

Trocken, zäh, öde: Mit diesen oder ähnlichen Attributen wird sich der Lateinunterricht wahrscheinlich auch in Zukunft konfrontiert sehen. Bei allen aktuellen Bezügen zur Gegenwart, die sich besonders im Lektüreunterricht der Oberstufe ergeben, ist die Beschäftigung mit dem Lateinischen naturgemäß nicht so unmittelbar gegenwartsbezogen und praxisnah wie das Erlernen moderner Fremdsprachen. Wenn dieses entscheidende Manko kompensiert wird – und dazu scheint der richtige Weg eingeschlagen -, dann kann auch und vielleicht gerade der Lateinunterricht ein gut Teil dazu beitragen, daß ridere licet kein singuläres Erlebnis im Schulalltag bleibt.

M. Comes

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