Über das Varieté – von einem Insider


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Das typische Variété beginnt spätestens mit dem ersten Schultag nach den Sommerferien, also rund fünf Monate vor der ersten Aufführung. Jetzt muß der Veranstaltungstermin festgelegt werden, um die Aula für Proben und Aufführungen buchen zu können. Viel Spielraum bleibt für den Termin nicht: Das Variété braucht nach den Weihnachtsferien mindestens zehn Tage Vorlauf, auch soll es nicht in den Altenkirchener karnevalistischen "Trubel" hineinragen. Also stehen – je nach Mond – ein oder zwei Wochenenden zur Wahl.

Gute Tradition an unserer Schule ist, daß sich der jeweilige Abiturjahrgang hauptverantwortlich um das Varieté kümmert. Auf der Vollversammlung zu Beginn des neuen Schuljahres müssen die Schüler eine eigene Organisationsstruktur in ihrer Jahrgangsstufe aufbauen, z. B. Ausschüsse, Ausschußsprecher, Abstimmungsmodalitäten. Ab jetzt beginnt unter den 13ern die Suche nach den Ansagern und nach dem Motto des kommenden Varietés.

Spätestens 14 Tage vor den Herbstferien muß das erste Treffen zwischen betreuenden Lehrern und "Variété – Ausschuß" der Schüler stattfinden. Bis zu den Herbstferien muß das Motto stehen sowie Einigkeit über die wichtigsten organisatorischen Punkte erzielt worden sein. Der Kontakt zwischen Schüler- und Lehrergruppe erfolgt ab dann mindestens einmal pro Woche in einer großen Pause.

Nach den Herbstferien beginnt die Werbeaktion der Jahrgangsstufe 13 in den Kursen und Klassen des Gymnasiums, gilt es doch, eine ganze Schule auf dieses nahende Ereignis einzustimmen. Die ersten Probentermine in der Aula werden angesetzt.

Nun wird es auch Zeit, sich um den Zustand der technischen Geräte zu kümmern. Die alljährliche Inspektion der Aula ist dabei für mich immer wieder ernüchternd. Von den ehemals acht Kanälen der Lichtregeltechnik für die Bühne funktionieren gerade noch zwei, einer der beiden wichtigen Vorbühnenscheinwerfer unter der Auladecke ist seit zwei Jahren defekt, die Beschallungsanlage ist

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von Ausstattung und Leistung her unbrauchbar für eine größere Veranstaltung.

Durch die Regelung der letzten Jahre, ein Drittel des Reingewinns eines Variétés für Anschaffung technischer Geräte zu verwenden, verfügen wir mittlerweile über eine schon recht passable Grundausstattung an:


 

  • Mikrofonen mit Stativen und langen Zuleitungen
  • einem zwar älteren, aber noch funktionsfähigen Mikrofonmischpult mit 14 Eingangskanälen,
  • zwei Lautsprechersäulen und eine Endstufe als Monitorlautsprecher auf der Bühne, und
  • ganz neu – einem professionellen zwölfkanaligen Lichtmischpult mit Leistungsteil.


 

Das Herzstück aber ist ein kleines Gerät, das ein befreundeter Physiker nach meinen Vorgaben entwickelt und gebaut hat: die Intercom-Anlage. Alle wichtigen Personen haben damit simultan Hör-/Sprechkontakt miteinander: der Regietisch in der Saalmitte (Kommandostation), die Verfolgerspots an den Seitenwänden des Saales, die Lichttribüne hinter dem Vorhang, der Vorhang selbst sowie der Inspizientenplatz auf der Bühne. Zwischen der Kommandostation und den Außenstellen besteht ferner ein akustischer bzw. optischer Rufkontakt, außerdem – ganz wichtig! – hat die Kommandostation eine Vorrangschaltung, über welche die "Funkdisziplin" auf der Intercom-Leitung wieder hergestellt werden kann. Ohne diese Anlage wäre der reibungslose Ablauf der Vorstellungen in der jetzigen Form bezüglich Präzision und Schnelligkeit nicht denkbar.

Gemietet werden vier Lautsprecherboxen mit Hochständern für die Saalbeschallung, entliehen aufgrund guter privater Kontakte zu einem Gymnasium in der Nähe werden zwei starke Theaterscheinwerfer mit Stativen zur Ausleuchtung der Vorbühne. Aus Privatbeständen von Schülern und Lehrern werden noch verschiedene Geräte sowie weitere Scheinwerfer für Bühneneffekte beigesteuert.

All diese Geräte gilt es nun auf ihre Funktionstüchtigkeit zu testen, defekte Kabel und Steckverbinder zu reparieren bzw. zu ersetzen.

Die Schüler haben sich inzwischen um den Druck der Plakate und Eintrittskarten bemüht, die einzelnen Beiträge gesammelt, unzählige Proben und Besprechungen besucht sowie eine Mittelstufenklasse mit der Verköstigung des Publikums während der beiden Aufführungen beauftragt.

Unmittelbar vor den Weihnachtsferien ist Meldeschluß für Schülerbeiträge. Jetzt stellt sich heraus, daß anfänglichen Befürchtungen zum Trotz mehr als genügend Beiträge angemeldet wurden, was wieder zu Problemen bei der

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Programmerstellung führen wird. Die Plakatierung erfolgt nach Neujahr.

Nach den Weihnachtsferien läuft die heiße Phase an. Kartenvorverkauf, Proben, Besprechungen. Der entscheidende Tag für die Technik ist Dienstagnachmittag, drei Tage vor der ersten Aufführung. Die Aula wird komplett umgerüstet, zirka ein halber Kilometer Kabel wird verlegt und befestigt, defekte Glühbirnen auf der Bühne werden ausgetauscht. An diesem Tag wird der Lötkolben nicht kalt! Damit man bei geschlossenem Vorhang hinter der Bühne sehen kann, was davor geschieht, wird an der Saalrückwand eine Videokamera fest installiert, die ihr Bild auf drei Monitore hinter der Bühne und auf einen großen Fernseher in den Flur vor dem Saal überträgt. Eine "handverlesene" Schülergruppe, der sogenannte Technische Trupp, bestehend aus 17 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 9 bis 13, hat zusammen mit mir die Installation in sechs bis sieben Stunden abgeschlossen.

Parallel dazu hat eine engagierte Schülergruppe selbständig an der Saalrückwand eine Videoanlage aufgebaut und soweit nötig mit unserer Tontechnik vernetzt. Mit zwei Kameras und einem digitalen Schneidepult werden sie wieder das Varieté aufzeichnen; die Bänder können später in unserer Bibliothek entliehen werden.

Die beiden nächsten Tage gehören ganz den Proben von 7.35 Uhr bis Mitternacht. Dies stellt hohe konditionelle Anforderungen an die betreuenden Lehrer und die Schüler des Technischen Trupps sowie der Varieté-Ausschüsse.

Diffizil ist die Entscheidung, welche Beiträge nur für einen Abend zugelassen oder welche abgelehnt werden. Der Schülerausschuß hat da manchmal eine andere Toleranzgrenze als die betreuenden Lehrer. In seltenen Fällen ist ein massives Veto nötig. Schwieriger ist schon das Streichen von Beiträgen; denn drei Stunden reine Spielzeit an Beiträgen ergeben mit Pause 4 1/2 Stunden Varieté. Das Erstellen des Programms nimmt trotz aller methodischer Optimierung stets zwei Stunden Zeit in Anspruch. Für Samstag muß übrigens ein neues Programm erstellt und gedruckt werden.

Und dann sind da noch die vielen Kleinigkeiten, an die gedacht werden muß: Absprachen mit dem Hausmeister der Realschule wegen ausreichend vieler Schlüssel für die Aula (Zylinder tauschen) und der Reinigung des Sanitärbereichs am Samstag morgen, Anwerben von Kolleginnen und Kollegen für Aufsichten während der Aufführungen, Erstellen einer VIP-Liste und Einladung der Ehrengäste, Benachrichtigung des DRK. Als Beispiel noch ein wichtiges Detail: Der Filmraum im Fachklassentrakt muß rechtzeitig für Freitag (l. Aufführungstag) von einem der betreuenden Lehrer als belegt gekennzeichnet werden, weil die Stühle und der große Fernseher schon morgens in die Aula transportiert werden müssen, dieser Raum aber durch alle Schulen des Schulzentrums recht gut ausgelastet ist. Es darf eben nicht vergessen werden, daß parallel zu den Aktivitäten der Variétévorbereitung der ganz normale Unter-

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richt weiterläuft. Für die Lehrer bedeutet das ferner, daß entweder Zeugnisnoten in alle möglichen Listen eingetragen oder Zeugnisse geschrieben werden müssen.

Freitag abend, 19.20 Uhr. Die Aula ist mit 400 Personen im Saal bis an ihre Grenze gefüllt. Auf der Empore drängeln sich über 100 Akteure. Mir will der obligatorische Schluck Sekt, mit dem ich zusammen mit Frau Campbell und Frau Klimpert auf ein gutes Gelingen des Varietés anstoße, wieder mal nicht schmecken. Meine Nervosität steigt. Woran müssen wir jetzt noch denken, was muß vor Veranstaltungsbeginn noch durchgesagt werden?

19.25 Uhr – an meinem Regieplatz. Kontakt herstellen zu den Außenstellen. 19.28 Uhr – Klingel im Flur betätigen lassen, Türen schließen, Licht im Saal teilweise löschen. Technische Ansage. Die Reaktion des Publikums ist vielversprechend und aufmunternd zugleich. Licht ganz aus – es ist 19.30 Uhr. Toi, toi, toi und los! Die Hände heben vor Erregung auch noch nach acht Jahren. Es scheint alles zu klappen, keine technischen Probleme, keine Rückkopplung. Nach zehn Minuten löst sich meine Anspannung. Erstes Lob über die Intercomanlage an die Bühnenbesatzung und an das Licht: Ihr arbeitet fantastisch! Nächste Kassette einlegen und einstellen, Zettel mit dem Stichwort suchen. Warum lachen alle? Den Gag habe ich wieder mal verpaßt. Schau ich mir halt bei Gelegenheit auf Video noch mal an. Ballett fertig? Kommando Lichtwechsel, Kommando Vorhang auf und Musik ab …

Nach 4 1/2 Stunden geht das Saallicht zum zweitenmal an. Geschafft. Da steht auch schon der traditionelle Kasten Bier am Regietisch, um den sich der Technische Trupp ungerufen versammelt, total ausgelaugt aber unendlich zufrieden mit der erbrachten Leistung. Nochmals ein dickes Lob. Morgen machen wir das genauso gut. Und am Montag bauen wir ab.

Kurz vor den Osterferien sind dann meist alle Requisiten abgeholt und die endgültige Abrechnung des Variétés erstellt. Damit endet für die betreuenden Lehrer auch dieses Variété, und die variétélose Zeit beginnt. Sie dauert genau vier Monate, denn das typische Variété beginnt spätestens mit dem ersten Schultag nach den Sommerferien, also rund fünf Monate vor der ersten Aufführung.

Klaus Recke

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