Arbeitsgemeinschaft „Gegen Ausländerfeindlichkeit und für Demokratie“

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Arbeitsgemeinschaft "Gegen Ausländerfeindlichkeit und für Demokratie"

Gegründet von Schüler/innen und Lehrer/innen des Westerwald-Gymnasiums im Dezember 1992

Als Nihat Yusuföglu am 28. Dezember abends mit einem seiner jüngeren Brüder auf dem Weg nach Hause in seine Straße einbog, kam es zur Schlägerei. Ein Skin zog ein Messer. Der Stich traf Nihat von hinten durch den Rücken in die Herzkammer. Noch fast hundert Meter schleppte sich der Schwerverwundete die Straße entlang, brach dann zusammen, wenige Meter von seinem Elternhaus entfernt, und starb. Als die Polizei kam, war es zu spät. Wer hatte sie benachrichtigt? Darüber gibt das Meldungsbuch keine Auskunft. Ein Nachbar wahrscheinlich, der hinter seiner Gardine stand. Die Staatsanwaltschaft in Koblenz erhob Anklage. Nicht wegen Mordes. Wegen Totschlags. Eine der üblichen Prügeleien zwischen Türken und Skins. So war von dort zu vernehmen.

Dieser Text stammt von U. Jungbluth, der in seinem Buch "Durch den Rücken in die Herzkammer. Rechtsextremismus und Pädagogisches Handeln." Nihats gewaltsamen Tod in Hachenburg kritisch beleuchtet. Der "Totschlag" des jungen Kurden ist traurigster Beweis dafür, dass auch unsere Westerwald-Region nicht gefeit ist gegen dumpfe rechtsradikale Attacken. Und die grausamen, menschenverachtenden Anschläge auf verängstigte Asylsuchende in Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda und gar auf türkische Mitbürger in Mölln waren auch an uns Schüler/innen und Lehrer/innen des Westerwald-Gymnasiums deutliche Aufforderung, "den Anfängen zu wehren". Wir wollen nicht zu denen gehören, die schweigen, die schweigend zusehen, wenn gegen Wehrlose – Wehrlose, die in Deutschland Schutz vor Verfolgung suchen! – mit Gewalt vorgegangen wird.

So gründeten wir Mitte Dezember 1992 eine Arbeitsgemeinschaft, deren Ziel es war, möglichst schnell ein Zeichen nach außen zu setzen, daß Schule ein Ort der Gemeinschaft, Verständigung, Freiheit und Toleranz ist und dass wir unsere demokratischen Grundrechte nicht durch einige Wenige zerstört sehen wollen.

Spontan organisierten wir eine erste Aktion: Wir verfassten einen "Appell gegen Ausländerfeindlichkeit und für Demokratie", sammelten dann in der Schule und mit Unterstützung des Jugendzentrums in der Altenkirchener Fußgängerzone binnen 24 Stunden über 500 Unterschriften. Wäre noch mehr Zeit gewesen, hätten wohl weitere Altenkirchener sich mit unserem "Appell"

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solidarisch erklärt. Am 24. Dezember, am Heiligabend des Jahres 1992, erschien dann unsere Anzeige in der Rhein-Zeitung.

In der Gewissheit, dass >Menschen aus anderen Ländern unser Zusammenleben und unsere Kultur bereichern<, gingen wir ab Februar in unregelmäßig während der Schulzeit stattfindenden Treffen ein neues Projekt an, ein großes und unserer Überzeugung nach wichtiges Projekt, dessen Erfolg mit ganz viel Glück verbunden wäre. Am 4. Juni 1993 soll an unserer Schule in Kooperation mit der Real- und Hauptschule ein Aktionstag gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus stattfinden. In vielen Aktionen wollen wir an diesem Tag helfen, Verständnis für einander und für das Fremde zu entwickeln. Der Aktionstag soll Fragen aufwerfen und Antwort geben, aufklären und informieren; er soll Begegnungen mit Flüchtlingen und Asylsuchenden des Kreises ermöglichen, Blicke für die Vergangenheit und Gegenwart schärfen und auffordern, sich für die Freiheit anderer einzusetzen – nicht zuletzt soll er Spaß machen und Freude bereiten.

Bislang wird mit Engagement und langem Atem, den halt die Planung eines solchen Tages verlangt, die Vorbereitung dieses 4. Juni vor allem von den SchülerInnen angegangen. Sie organisieren in Zusammenarbeit mit Frau Sassenrath-Bravos und mir z. B. ein den Aktionstag einleitendes gemeinsames Mittagessen. Die ausländischen SchülerInnen der einzelnen Klassen kochen zusammen mit ihren deutschen Mitschüler/innen international. Sie organisieren eine Reihe von Workshops fürs Nachmittagsprogramm. So wird’s zum Beispiel Filmvorführungen, Fotoausstellungen, Informationsveranstaltungen, Lesungen geben. In einem "Erzählcafé" geben Flüchtlinge und ausländische BürgerInnen des Kreises Altenkirchen Einblicke in ihr schicksalhaftes Leben. Und die Simulation eines Asylverfahrens führt spielerisch die nervenaufreibende, zermürbende Aufnahmeprozedur, der die verfolgten Menschen aus vielen Ländern unterworfen sind, vor Augen. Und schließlich organisieren die Schüler/innen eine Podiumsdiskussion und ein "Konzert gegen rechts" für die Abendveranstaltung in der Aula des Schulzentrums. Aber auch mit dem Aktionstag sollen unsere Aktivitäten nicht enden. Neue Ideen, die multikulturelle Gesellschaft auch an unserer Schule zu bejahen, sind schon da. Ob sich z. B. ein Schulaustausch mit griechischen oder türkischen Schulen oder eine thematisch gebundene Filmreihe realisieren lassen, ist zu hoffen. Das freiwillige – und nicht institutionalisierte! – Engagement von Schüler/innen und Lehrer/innen an unserer Schule gilt meiner Ansicht nach besonders viel, weil Altenkirchen zum einen (und zum Glück!) kein Brennpunkt ausländerfeindlicher Attacken ist, aber die Schüler/innen und Lehrer/innen dennoch die grundsätzliche Brisanz der fremdenfeindlichen Stimmung in Deutschland erkennen. Zum anderen lernen in unserer Schule nur wenige ausländische Schüler/innen, die auf den ersten und

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oft auch auf den zweiten Blick gut mit ihren deutschen Mitschüler/innen auskommen. Dass es aber auch am Westerwald-Gymnasium Spannungen und wenige Ansätze ausländerfeindlichen Verhaltens gibt, ist nicht zu leugnen und bedarf natürlich der Aufklärung. Die Chance der Arbeitsgemeinschaft liegt darin, rechtzeitig zu handeln, rechtzeitig zu informieren und rechtzeitig demokratische Pfade zu weisen.

J. Kowalke

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