„Doch das Messer sieht man nicht…“ – Eine Revue von Carl Gneist (Text, Regie) und Klaus Recke (Musik) – Florian Henn (Technik)

// 54 //

I. Ich bin Brecht…

"Ich bin Brecht, das heißt, ich werde ihn jetzt spielen. Wundern Sie sich nicht, ich weiß, dass ich ein Mann war mit Namen Bertolt. Aber ich bin unsterblich, da ist das Geschlecht nicht mehr so wichtig. Auf vielen Fotos können Sie mich so sehen: Schlägermütze, Brille, Arbeitshemd, Zigarre.. (holt sie aus der Brusttasche und zündet sie an, pafft genüsslich) mein Produktionsmittel, regt meine Phantasie und Arbeitskraft an. Schiller brauchte angeblich den Geruch faulender Äpfel in der Schreibtischschublade fürs Schreiben, Goethe trank literweise Rheinwein, Hemingway brauchte Whisky – ich missbrauchte Zigarren. (pafft wieder, schaut dem Rauch nach) Einmal, auf der Flucht vor Hitler in Finnland, konnte ich keine mehr bekommen. Eine Katastrophe für meine Arbeit. Später besorgte ich sie mir wieder und schrieb so viel, wie nie zuvor. Heute sind das sogenannte (ironisch) Werke.( … )"

Eine junge Schauspielerin sitzt in einem schweren Sessel über dem Publikum. Hinter ihr leuchtet auf einer hellen Projektionsfläche ein Bild: Der berühmte Autor Bertolt Brecht in seiner Lebensmitte.

Wir sind auch schon mitten in der Exposition, das Spiel im Spiel im Spiel "…denn das Messer sieht man nicht!" hat begonnen. Die einzelnen Orte des Bühnenraums sind dem Zuschauer im Verlauf der ersten Szenen nun enthüllt: ein kleines Podest , mit Caféhausstühlen und Hutständer vor der Rampe ("Café Deutschland"), ein Laufsteg zwischen Publikum und Bühne, ein wuchtiger englischer Ledersessel in einer Ecke mit Büchertischchen, Leselampe und altem Radio ("Brecht-Ecke"), die Bühne selbst mit Projektionsfläche für Dias und insgesamt der große Zuschauerraum, in den die Besucher schlenderten bei Swing-Musik der 30er und 40er Jahre, mit Plakaten im Eingangsbereich, die sie einluden, eine Brecht-Revue im "Café Deutschland" mitzuerleben.

Gerade hatten sich in einem kurzen Vorspiel die Schauspieler im Café Deutschland versammelt, hatten sich Brecht-Texte vorgetragen und schließlich die Schauspielerin gegen deren Widerstand ausgewählt, die Brecht darstellen soll. Alleingelassen von den anderen, betrat sie zögernd den Laufsteg, ging dem Bild Brechts entgegen und tastete sich langsam in ihre Rolle coram publico, schlüpft in Brechts Lederjacke, zündete seine Zigarre an. Gleich wird sie/er sich leidenschaftlich wehren gegen eine Gruppe von Frauen, die mit Spruchbändern von der Empore

//55//

des Zuschauerraums herab die Figur Brecht angreifen, als er/sie ihr/sein Liebesleben stolz präsentiert und ihnen entgegenschleudern: "Aber ich war nicht gemacht für ein bürgerliches Leben in Augsburg, ich machte Verse, zog mit meinen Freunden rum und schrieb hochmütige Sätze in mein Tagebuch. Ich musste das Leben in vollen Zügen trinken. (leidenschaftlich zum Publikum gewendet) Lasst euch nicht betrügen,
dass Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen,
wenn ihr es lassen müsst."

So beginnt das Theaterstück "Doch das Messer…", das am Ende des vorigen Schuljahres von einem Schülerensemble unseres Gymnasiums aufgeführt wurde. Im März ’98 erschien im BRECHT-SONDERHEFT der Zeitschrift "Praxis Deutsch" ein zehnseitiger Artikel über diese Revue. Schon haben sich aufgrund dieser Veröffentlichung mehrere Theatergruppen gemeldet, sogar aus Frankreich, die das Stück nachspielen wollen. So weit streut unsere Schule!

II. Das Schlimmste, Schönste, Erschöpfendste, Enthusiastischste

ist in der Theaterarbeit bei den Profis wie bei den Amateuren die Endphase der Inszenierung. Wie geht’s da zu? Nehmen wir unsere Brecht-Revue als Exempel:

Tagelang lebten wir jetzt wie Grottenolme hinter den abgeklebten Fenstern der Aula, aus der wir blinzelnd ins abendliche Sommerlicht stolperten. Die Schauspieler waren beurlaubt (wenn sie nicht gerade Klausuren schrieben, aber auch da zeigten sich die Kollegen kooperativ), die Abiturienten hatten das Schriftliche hinter sich gebracht und standen vor der mündlichen Prüfung. Die Bühne war von Freitag bis Freitag für uns reserviert: Am Freitag Aufbau von Ton- und Lichtanlage, von Diaprojektion und Bühnenbild; Einrichten des Lichts mit Stellproben; Gänge machen und festlegen auf dem zum ersten Mal vollständigen Bühnenbild. Samstags und sonntags Einzelproben der Szenen und Übergänge und des schnellen Auf- und Abbaus durch die Bühnenarbeiter. Am Montag erste Durchlaufprobe vormittags; nachmittags Ausräumen kleiner Ablauffehler. Dienstag vormittags die Generalprobe und schließlich

die ersehnte, erzitterte Premiere. Die Ensemblearbeit wurde in dieser letzten Runde äußerst intensiv. Hastige gemeinsame Mahlzeiten mit Pizza aus der Schachtel; blitzschnelle Improvisationen: Wie ist der Laufsteg ins Publikum rutschfest zu befestigen? Einfach Winkeleisen in die Bühnenrampe einschrauben, um die Bohlen eines Baugerüsts als Steg einzuhängen – natürlich musste danach der nichtinformierte Hausmeister besänftigt werden.

//56//

Wer fotografiert schnell noch eine Kuh auf einer Wiese für eine besonders provokative Bildprojektion? Und dann diese genial wackligen technischen Lösungen auf der Isolierbandebene oder mit der Tacker-Pistole durch den Bühnenbildner M. Schumann!

Wie luxuriös, aber auch wie langweilig muss das auf einer großen professionellen Bühne mit computerisierter Technik vor sich gehen! Und welcher Staatsbühnenregisseur kann sich schon rühmen, mit der Darstellerin der "Seeräuber-Jenny" zwischendurch, während der Endproben, die mündliche Prüfung in Philosophie (Thema: Existentialismus) vorbereitet zu haben? Doch auch wir fuhren – aufgrund der Fähigkeiten des Musikers und Technikers Klaus Recke und seines Assistenten Florian Henn – einen großen technischen Apparat.

Mit "Intercom" verbunden konnte der Regisseur sich simultan mit denen verständigen, die die Licht-Technik, die Spots, die Dia-Projektion und das Steuerpult für Musik und Geräusche bedienten. So können während der Proben schnell verschiedene technische Lösungen durchgespielt und gesteuert werden. Diese Anlage hat sich ja schon oft im "Varieté" bewährt, allerdings werden die varietéerprobten Techniker in einem so komplizierten Theaterstück noch ganz anders gefordert: "Dagegen ist das Variete ein Kinderspiel!" (Zitat Florian Henn) Bei der ersten Durchlaufprobe mussten noch viele kleine Rauhheiten des Bühnengeschehens geglättet werden, denn der Text und die Gesten der Schauspieler mussten ja sekundengenau auf Lichtwechsel, Musik, Geräusche und Bilder passen. Aber die Mitglieder des Ensembles erlebten zum ersten Mal ihre Revue als Gesamtheit und ahnten: Das kann uns gelingen. Drei Stunden (mit zwanzigminütiger Pause) unterhielten sie darin ihr Publikum mit einem bewegten Bilderbogen quer durch unser Jahrhundert und Brechts Werk und Leben. Und am Schluss, als sie, wiederum im "Café Deutschland" versammelt, gemeinsam "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" den Zuschauern entgegengesungen hatten und das Bild des jungen (!) Brecht auf der Leinwand erlosch, verabschiedete sie ein Beifall, der ihnen noch lange in den Ohren klingen wird.

//57//

Bertolt-Rap

Ich bin Brecht ich bin Brecht, ich bin Bertolt Brecht
ich wollte früh schon Dichter werden und das war mein Recht
ich schrieb und schrieb Theaterstücke und die war’n nicht schlecht.

Ich war ein supercooler affengeiler oberschlauer Typ mit
’nem wahnsinnig heißen Riesenschreibantrieb
aber dabei ging’s mir nicht nur um den Trieb zum Schreiben
nein ich wollt‘ mich auch an möglichst vielen Frauen reiben.
Auf kluge Frauen war ich wirklich echt scharf
ich geb’s zu, ich hatte einfach früh schon größeren Bedarf.
Und deshalb schlief ich mit vielen, schönen, klugen tollen Frauen
doch meistens bin ich danach abgehau’n.
Ich kann es nicht verneinen und will es nicht bestreiten
es ging mir um den Austausch von Körperflüssigkeiten.

Ich bin Brecht, ich bin Brecht, ich bin Bertolt Brecht,
ich wollte immer Frauen lieben und das war mein Recht
ich bin Brecht, ich bin Brecht, ich bin Bertolt Brecht.

Ich ärgerte die Mächtigen und machte sie nervös
sie waren mir öfters wegen meiner Schreibe bös!
Weil ich wollte, dass die Leute über meine Texte denken
statt die Köpfe vor den Mächtigen zu tief zu senken.
(oder heute vor dem Fernseher nur noch Bierflaschen schwenken)
denn die Menschen vertragen mehr, als sie zu sagen wagen
auf die Dauer aber schlagen ihnen die Dinge auf den Magen.

Ich bin Brecht … (Refrain 1. Strophe)

Als der durchgeknallte Psycho Hitler kam ans Ziel
musste ich sofort aus Deutschland abhau’n ins Exil.
Wenn die Glatzen komm’in unserem Land zur Macht,
werden kluge Künstler meistens platt gemacht.
Nach Amerika kam ich mit ’nem Schiffstransporter,
stand am Kai schon so ’n Sensationsreporter,
hielt mir sein Mikro vor die Nase, grinst und fragt’mich: "Sir,
sind Sie nicht dieser berühmte deutsche Filmregisseur?
Schreibense uns wa Dolles hier für Hollywood,

//58//

//59//

Sie wern schon sehn, das tut auch Ihren Dollars gut!"

Ich bin Brecht, ich bin Brecht, ich bin Bertolt Brecht
ich lasse mich nicht kaufen und das ist mein Recht,
ich schreib schon lang Theaterstücke und das nicht mal schlecht
ich bin Brecht, ich bin Brecht ich bin Bertolt Brecht.

Der Bertolt, der Bertolt, ich bin der Bertolt,
ich trage keine Waffen außer einem großen Schreibcolt,
damit baller‘ ich des Nachts meine Texte ins Papier,
am Morgen gehe ich dann in die Theater und sag: "Hier
sind wieder ein paar Stücke aus der Hüfte geschossen,
ich hoffe, sie sind gut und ihr versteht sie, Genossen!"

Nach oben scrollen