In Vietnam fühlt sie sich wie eine Fremde


 

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Dieser Artikel erschien im Heft Nr. 4, 1999 des Publik – Forums, einer 14-tägig erscheinenden Zeitschrift "für den kritischen Christen". Als Reaktion sind inzwischen aus dem Leserkreis drei Spenden eingegangen.

August 1992 kamen die drei Schwestern Thanh (12), Kim (10) und Nhung (8) aus Vietnam mit ihren Eltern nach Deutschland und stellten einen Asylantrag. Nach einer fünfjährigen (!) Bearbeitungszeit stand 1997 fest: Kein Asyl für die Familie Do. Die Reaktion der Eltern auf das Urteil folgte prompt. Sie tauchten unter, ließen ihre Töchter alleine und gaben ihnen dadurch die Möglichkeit, zumindest vorläufig in Deutschland zu bleiben. Nun waren die Deutschen gezwungen, sich um eine Unterbringung der Geschwister in Vietnam zu bemühen. Im Juli 1998 wurden sie zu einem Großelternpaar nach Vietnam abgeschoben.

Das letzte Jahr vor der Abschiebung war Thanh in der 11. Klasse unserer Schule, dem Westerwald – Gymnasium Altenkirchen (Rheinland – Pfalz). Den Wechsel von der Hauptschule zum Gymnasium schaffte sie ohne größere Anstrengung, und in diesem Schuljahr würde sie mit uns in die 12. Klasse gehen. Bis zu ihrer Abschiebung wußten wir als ihre Mitschüler nichts über Thanhs Status als Asylbewerberin. Sie war bereits nach kurzer Zeit festes Mitglied unserer Gemeinschaft. Man sah sie auf Partys, sie unternahm viel mit ihren neuen Freunden, trug die gleiche Kleidung wie wir, sie verstand unsere Kultur als die ihrige. Weil die Abschiebung in den Sommerferien stattfand, hörten viele ihrer Mitschüler erst nach den Ferien von der Zwangsausreise, einige wenige erfuhren es schon früher durch die Zeitung. Hilflos, geschockt und von den Ereignissen überrannt, fanden wir uns völlig ratlos mit der Situation konfrontiert.

Unfähig, direkt zu helfen oder das Geschehene rückgängig zu machen, mußten wir uns damit abfinden. Das Schlimmste ist, daß das normale Leben an unserer Schule weitergeht und Thanh immer mehr in Vergessenheit gerät. Durch die Abschiebung wird Thanh zum Leben in einem ihr inzwischen fremden "Heimatland" gezwungen. Sie lebt bei Großeltern, die ihr vollkommen unbekannt gewesen sind und für die die drei Mädchen obendrein noch eine finanzielle Belastung darstellen. Erst nach einigen Monaten konnte Thanh uns über die neuen, schweren Umstände informieren, in denen sie und ihre Schwestern nun leben. Die Großeltern können kaum für ihre Versorgung aufkommen. Das einzige Geldeinkommen der Familie ist die magere Rente des Großvaters von monatlich umgerechnet rund 60 Mark. Eine normale Schulausbildung aller drei Schwestern kostet etwa das Dreifache. Thanh fühlt sich noch immer wie eine Fremde und wird von ihrer neuen Umgebung bisher nicht akzeptiert.

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Die Tatsache, daß drei junge Mädchen, die man fast noch als Kinder bezeichnen kann, ohne ihre Eltern aus ihrer heimatlichen Westerwälder Umgebung gerissen worden sind, die sie sechs Jahre lang geprägt hat, zeigt die unmenschliche Gedankenlosigkeit des bestehenden Asylverfahrens. Gäbe es ein Wiedereingliederungsprojekt, das auch die Interessen einer Zusammenarbeit mit Vietnam berücksichtigen würde, so hätte man alle drei bis zum Ende der Ausbildung in Deutschland lassen können. Das hatten sie sich selbst in einer Petition gewünscht, die von der Ausländerbehörde nicht mehr beachtet wurde. Für die deutsch – vietnamesischen Beziehungen hätten sie dann eine zusätzliche Stütze sein können.

So versuchen wir nun das uns Mögliche, um Thanh zu helfen und ihr die Schulausbildung durch Spenden zu sichern. Die Schülervertretung hat beschlossen, bis zu Thanhs Schulabschluß monatlich einen festen Betrag für ihr Schulgeld aufzubringen.

A. Berdjas, S. Gerholdt, L. Herrmann, D. Hülpüsch, A. Meister, A. Meutsch, (Geschichte Leistungskurs 12, Westerwald – Gymnasium Altenkirchen)

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