Unsere Schule vor fünfzig Jahren


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Stand unsere Schule, wie alle Schulen in der französischen Besatzungszone, unter regelmäßiger Kontrolle ihres Betriebs durch die Besatzungsmacht. Aus heutiger Sicht hat das den Vorteil, daß die laufenden Monatsberichte der Zeit im Archiv existieren und wir uns ein Bild der damaligen Verhältnisse auf einer gesicherten Quellenlage machen können.

Städterealprogymnasium Altenkirchen/Westerwald

An den Herrn Minister für Unterricht und Kultus

Koblenz

betr. Monatsbericht Juni 1947

1. Lehrer

a) im Amt: 8

b) entlassen: 1

c) in Kriegsgefangenschaft: –

d) Arbeit im Unterricht gemäß den Lehrfächern

e) Alle Lehrkräfte arbeiten mit Ausdauer und großem Pflichteifer

2. Schüler

a) Zahl: 230

b) Konfessionen: 173 Evang., 57 Kath.

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c) Die Raumschwierigkeiten dauern fort (2 1/2Klassenräume für 6 Klassen). Die dadurch bedingten, für die sommerliche Jahreszeit besonders ungünstigen Unterrichtszeiten wirken hemmend auf den Leistungsstand der Schüler.- Die Verkehrsverhältnisse haben sich gebessert. Der Ernährungsstand ist im allgemeinen nicht ungünstig. Mängel der Bekleidung treten in der wärmeren Jahreszeit weniger hervor. Doch wird das Fehlen von Schuhwerk sehr empfindlich bemerkbar.

d) Die Schüler zeigen regen Arbeitseifer im Unterricht aller Fachgebiete. Zumal die reiferen Schüler bemühen sich ernsthaft um Wissen und Können.

e) Unterrichtsfortschritte

(es folgt eine nach Jahrgangsstufen 5 bis 10 und fächerweise gegliederte Auflistung der Unterrichtsinhalte, mit heutigen Klassenbüchern vergleichbar)

3. Gebäude

a) in gutem Zustand: 2 Klassenräume zerstört: das Hauptgebäude der Schule

b) wiederhergestellt im letzten Monat

c) geplante Wiederherstellung: Baracke mit 8 Klassenräumen, 2 Lehrerzimmern, Räumen f. Naturwissenschaften und Musik

d) Bedarf an Einrichtungen

Schulgebäude für 100 Schüler, Pulte u. Stühle für 6 Klassenräume, 6 Wandtafeln, Bild- und Kartenmaterial; Instrumente für Physik und Chemie; Schreibmaschine

4. Bücher

a) vorhanden: keine

b) dringender Bedarf: Wörterbücher und Grammatiken für Latein, Französisch, Englisch; Klassiker und sprachwissenschaftliche Werke für den Deutschunterricht; Liederbücher.

c) vorgeschlagene Lösung: Ausleihe innerhalb des Kollegiums.

5. Moralischer Zustand der Jugend: gut

Zur Benutzung dieser Quelle:

Derartige Monatsberichte gibt es von November 1945 an, vermutlich bis zum Ende der französischen Besatzungszeit. Sie folgen dem gleichen Schema. Das hat den Vorteil, dass man Veränderungen sofort erfassen kann, aber den Nachteil ermüdender Wiederholungen. Zwischenzeitlich wurde von Koblenz die Aussagelosigkeit beanstandet. Offenbar wurden die die Besatzungsmacht wirklich interessierenden Tatbestände ausgespart.

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Der Begriff Städt. Realprogymnasium weist zum einen auf die Trägerschaft der Stadt hin (heute trägt der Kreis die Gymnasien), zum anderen besagt die Vorsilbe Pro, daß es sich nur um eine Schule bis zur 10.Klasse handelte. Wer bis zum Abitur kommen wollte, mußte z.B. nach Betzdorf fahren. Allerdings wurde wegen der immer noch schlechten Verkehrsverbindungen ab Herbst 1947 eine 11.Klasse eingerichtet, ab Herbst 1948 eine 12.Klasse, ab Herbst 1949 eine 13.Klasse.

So kam es 1950 unplanmäßig zum ersten Abitur in Altenkirchen, obwohl der Ausbau zu einem "richtigen" Gymnasium eigentlich gar nicht gewollt gewesen war.

Die Lehrer der Zeit vor 1944, als die Schule geschlossen wurde, haben mit einer Ausnahme die "Säuberung" der Besatzungsmacht weitgehend unbeschadet überstanden.

Die durchschnittliche Klassenstärke lag bei etwa 38 Schülern.

Die Gliederung der Schüler nach Bekenntnis weist auf den zeitgebundenen Umstand, daß die religiöse Herkunft im öffentlichen Leben eine große Rolle spielte.

Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, daß der Unterricht ohne Bücher erfolgte. Die Auflistung des dringenden Bedarfs zeigte, daß gerade in Sachfächern dem zunächst wohl auch nicht abzuhelfen war.

Dr. Eberhard Blohm

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