Integration – auch bei uns?


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Ausgehend von Schulversuchen zur gemeinsamen Unterrichtung und Erziehung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen in der Grundschule, die in der Bundesrepublik seit Mitte der 70er Jahre entstanden, wurde in den 80er Jahren die Forderung an die Sekundarstufe herangetragen, diese gemeinsame Erziehung bis mindestens zum Ende der Schulpflicht fortzusetzen. Als Hauptziel des Schulversuchs werden die Fähigkeit zur Toleranz beim Erleben von Anderssein in multikulturellen und heterogenen Lerngruppen und die Erziehung zu Gewaltlosigkeit und solidarischem Handeln gesehen. Der gemeinsame Unterricht ist ein Ort, in dem Anderssein täglich erfahrbar wird; Toleranz, gemeinschaftliches Denken und Handeln werden ständig gefordert und in unterschiedlichen Situationen erprobt und erfahren.

Der Schulversuch "Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen" in der Grundschule wird in Rheinland-Pfalz an 13 Standorten durchgeführt, seit dem Schuljahr 1995/96 bzw. 1996/97 gibt es 8 Integrationsklassen in der Sekundarstufe I, eine davon ist die Klasse 5/9 der Orientierungsstufe Altenkirchen. Nach langwierigen Überlegungen, wie die Fortführung des Versuchs in einem so komplexen System wie der Orientierungsstufe gestaltet werden könnte, wurde im Schuljahr 1995/96 in den entsprechenden Gremien wie Gesamtkonferenzen und Schulelternbeiräten der drei weiterführenden Schulen darüber abgestimmt, welche Schule die Fortführung des Versuchs im Schuljahr 1996/97 übernehmen könnte. Die Hauptschule entschied sich, diese Klasse mit Eintritt in die Orientierungsstufe zu übernehmen, und sie wird mit Beginn der 7. Klasse an der Hauptschule weitergeführt. Die Realschul- und Gymnasiumempfohlenen werden dann reguläre Klassen in Realschule und Gymnasium besuchen, und die Schülerzahl der Integrationsklasse wird durch Hauptschulempfohlene anderer Klassen wieder auf die erforderliche Zahl ergänzt.

In der jetzigen Klasse 5/9 sind 19 Kinder. Vier dieser Kinder sind beeinträchtigt, eines davon ist geistig behindert. Elisabeth Zöllner, Alfred Stroh, Georg Hillen und Jan Ließfeld bilden zusammen mit dem Sonderschullehrer Klaus Ulrich Hollmann das Lehrerteam, das in einer Integrationsklasse nicht zu groß sein darf, damit eine enge Zusammenarbeit erleichtert wird.

Viele Unterrichtsstunden in der I-Klasse, vor allem in den Nebenfächern, unterscheiden sich kaum von denen in einer Regelklasse, die lernbeeinträchtigten Schüler arbeiten am gleichen Lernstoff und erhalten nur gelegentlich eine besondere Unterstützung durch das Lehrerteam. In Deutsch, Englisch und Mathematik sind tiefer greifende Differenzierungsmaßnahmen erforderlich, durch die die Anforderungen an den Leistungsstand der Schüler angepaßt werden. Das geistig behinderte

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Kind wird nach einem gesonderten Curriculum für Sonderschule unterrichtet, wird jedoch bei allen Unterrichtsinhalten, die sehr visualisiert dargeboten werden, in den Unterricht integriert. Lernen in Gruppen und an Stationen sowie Wochenplanarbeit erleichtern das Differenzieren in Stoffauswahl, Lernmethoden und Hilfestellungen für die Schüler. Auch ein Computer kann zur Unterstützung der lernschwachen und zur Förderung der leistungsstarken Schüler eingesetzt werden.

Die enge Zusammenarbeit macht regelmäßige Zusammenkünfte des Teams erforderlich. Hier können Unterricht vor- und nachbereitet, fächerübergreifende Themen geplant, Verhaltensauffälligkeiten von Schülern besprochen und gemeinsame Aktionen organisiert werden. Die Lehrer der I-Klasse sehen in den dabei gewonnen Erfahrungen auch einen großen persönlichen Gewinn, denn alle im Zusammenhang mit Integration auftretenden Probleme sind in den Regelklassen der Orientierungsstufe in mehr oder weniger hohem Maße ebenso anzutreffen. Der Anteil lernschwacher und verhaltensauffälliger Schüler wird in Zukunft nicht geringer werden, Teambildung der Lehrer kann dabei die pädagogische Arbeit wesentlich erleichtern.

G. Hillen, K. U. Hollmann, E. Zöllner

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