„Ruhla – Ruhla“

Bis zum Frühjahr 1990 dürfte in Altenkirchen kaum einer gewußt haben, daß es eine Stadt dieses Namens überhaupt gibt, geschweige denn, daß sie in Thüringen liegt und größer ist als Altenkirchen.

   A1s im März 1990 die vormalige DDR sich auch für uns langsam stärker ins Bewußtsein schob, war es mein damaliger Sozialkunde-

Gymnasium Ruhla

Leistungskurs 12, der die neue "Lage" einmal selbst in Augenschein nehmen wollte, statt nur davon zu hören und zu lesen. Der Plan war geboren, eine "passende" Oberschule anzusprechen, um einen Kontakt zu haben, von dem ausgehend die eigenen Informationen gewonnen werden könnten.

   Eine ganz ordinäre Straßenkarte, verbunden mit der typischen westlichen Vorstellung, eine nahe Autobahn würde Kontakte erleichtern, lieferte entsprechende Ortsangaben rund um Eisenach. Es war dann schon ziemlich ahnungslos, als ein Kursschüler einen Nachmittag lang versuchte, alle in Frage kommenden Erweiterten Oberschulen (EOS) telefonisch zu erreichen: Es gab nur besetzte Leitungen. Es half ein Brief, entworfen im Kurs, an den unbekannten Schulleiter einer hoffentlich (noch) vorhandenen Erweiterten Oberschule im zufällig ausgewählten Ruhla, das wir für hinreichend klein hielten, um zu Altenkirchen zu "passen".

   Nach wenigen Wochen hielt ich als Kurslehrer die Antwort des Schulleiters in Händen, in der Anrede zum Direktor befördert. Vielleicht steckte darin die typische östliche Vorstellung, derartige Schreiben gingen stets "von oben" abgesegnet auf die Reise. Der Tenor war allgemein zustimmend und mit dem Hinweis versehen, der Schulleiter selbst sei im Mai in Bad Marienberg zur Tagung. Diesen Wink, als solcher war er auch gemeint – wie ich später erfuhr -, deutete ich als Wunsch zur persönlichen Kontaktaufnahme. Da telefonisch nichts zu erreichen war, fuhr ich eines abends mit meiner Frau ins Europahaus. Herr Jäckel, der damalige Schulleiter der EOS Ruhla, stellte sich für uns als Glücksfall heraus – aufgeschlossen und kontaktfreudig, einem näheren Schulkontakt, damals noch ohne feste Umrisse, positiv gesonnen.

   Es folgten eine private Einladung nach Ruhla am ersten "DM-Tag" und noch ein Besuch aus dem Urlaub heraus. Dadurch waren die zeitlichen Planungen für einen ersten Schülerbesuch leichter, denn die Telefonverbindungen waren noch immer eine Katastrophe. Ende September fuhr dann ein Bus aus Altenkirchen mit 50 Schülern der Gemeinschaftskunde-Leistungskurse 13 und vier Lehrern zum ersten Besuch.

   Trotz der enormen Unsicherheiten schaffte es Herr Jäckel, uns eine Unterkunft und Verpflegung vor Ort zu organisieren. Wenn auch nur an einem halben Tag, so ließ sich doch ein erster Eindruck von Schule und Schülern gewinnen, auch von den Problemen der Wirtschaftsstruktur dieser kleinen Industriestadt und dem Nachholbedarf ihrer Infrastruktur – nach 22.00 Uhr kein Plätzchen mehr für ein letztes Bier. Wenn dieses trotzdem reichlich floß, dann dank der für uns organisierten Disco bis Mitternacht, die die ersten Kontakte auch bei den Schülern vertiefen half.

   Am nächsten Tag stand für uns Kultur auf dem Programm: Weimar und das Goethehaus auf der einen Seite – Buchenwald und seine Verbrennungsöfen auf der anderen Seite -, zwei Seiten einer Medaille. Danach gab es wohl keinen, der noch Lust auf ein Liedchen während der Rückfahrt gehabt hätte.

   Im Frühjahr 1991 ergab sich ein Termin für den ersten Besuch aus Ruhla. Die hilfreichen Organisationstalente der damaligen 13 schafften es anscheinend spielend, alle Gäste privat unterzubringen. Dank einiger spendenfreudiger Altenkirchener Geschäftsleute war es auch möglich, die Reisekosten zu mildern.

   An Stelle der Kultur konnten wir im Westerwald mit "Beispielen funktionierender Wirtschaft" aufwarten, wie später die Chronistin aus Ruhla freundlichspöttisch feststellte. Den Teilnehmern der vier verschiedenen Betriebsbesichtigungen ist sicherlich in mancher Beziehung nicht immer wohl gewesen bei dem Gedanken, was die Einführung westlicher Betriebsabläufe ihnen bzw. den Eltern noch bescheren würde. Bedenkt man, daß das Ruhlarer Uhrenkombinat inzwischen in über 30 Einzelbetriebe zerlegt wurde, die meist kaum am Standort in seiner Enge und Überalterung bleiben werden, war die Nachdenklichkeit sehr verständlich.

   In Sachen Disco leisteten die 13er wieder erstklassige Arbeit; der Schweiß floß in Strömen – und nicht nur er. Im Unterricht der 13 am nächsten Morgen wirkten manche Diskussionsbeiträge etwas gequält – die Nacht war zu kurz.

   Mit dem Schuljahr 1990/91 ging in Ruhla eine Epoche zu Ende. Die Polytechnische Oberschule und die Erweiterte Oberschule wurden zum Gymnasium Ruhla, der langjährige Schulleiter Jäckel (nach fast 45 Jahren Lehrertätigkeit vor Ort) in den Ruhestand verabschiedet. Beide Ereignisse wurden in einer Feier gewürdigt, zu der der neue Schulleiter seinen Altenkirchener Kollegen und einige Lehrer, die in der Entstehungsphase dieser Schulpartnerschaft mitgewirkt hatten, einlud. In dem von Reden und Musikbeiträgen bestimmten Abendprogramm klang etwas von der Aufbruchstimmung durch, in der – begleitet von kritischem Rückblick über die Rolle der Schule in der DDR – viele die Chance sehen, neue Fragen stellen zu können und sicher hoffen, nicht bloß westliche Antworten übernehmen zu müssen.

   Im Februar 1992 haben der neue Schulleiter Herr Rindschwendtner und einige neue und alte Lehrer des insgesamt neuformierten Kollegiums Altenkirchen besucht, um für die Zukunft die Formen und Möglichkeiten einer solchen deutsch-deutschen Schulpartnerschaft auszuloten und auszubauen. Im Vordergrund standen dabei Kontakte in Sachbereichen wie Fachkonferenzen und SMV mit Sportgruppen und Klassen. Erste Unternehmungen sind bereits im Terminkalender.

Dr. E. Blohm

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